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Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus

27.01.2015

 

 

Sperrfrist: Redebeginn
Es gilt das gesprochene Wort!
Stand: 26.01.2015
 
 
 
Christian Carius MdL
Präsident des Thüringer Landtags
 
 
Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus
 
 
Ansprache
 
 
27. Januar 2015, 10.00 Uhr
 
Thüringer Landtag, Plenarsaal

 

 
(Beginn ohne Anrede)
 
Auschwitz - für alle Zeit wird dieser Name der schlimmste Ausdruck für irdisches Grauen sein, für Unmenschlichkeit, für Gottvergessenheit. Nichts ist vorstellbar, was fürchterlicher sein könnte. 
 
Hinter diesem Namen steht die Ideologie des Rassenwahns und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Der Ort steht für den absoluten moralischen Tiefpunkt der deutschen Geschichte.
 
Immer noch oder wieder gibt es Kräfte in diesem Land, die das Geschehene relativiere oder verharmlosen. Das erfüllt uns mit Trauer und Scham. Und das macht uns bewusst: Der Kampf gegen den Antisemitismus, den Rassismus, gegen die nationalsozialistische Ideologie ist nicht allein Aufgabe einer wie auch immer gearteten historischen Aufarbeitung. Dieser Kampf ist für alle anständigen Menschen eine dauerhafte Verpflichtung - für die Gegenwart und darüber hinaus.
 
Erlauben Sie mir bitte diese Vorbemerkung, die nicht mit dem üblichen Protokoll unseres Hauses übereinstimmen mag. Sie ist mir persönlich aber etwas wichtiger als die Förmlichkeiten tradiert sind.
 
Zu allererst begrüße ich die überlebenden Zeitzeugen. Ich tue das im Namen der hier Versammelten mit großer Achtung und mit Dankbarkeit: Herr Herz, Herr Pappenheim, Herr Rothmann, Herr Schramm, Sie und Ihre Angehörigen sind uns herzlich willkommen. Ihre Anwesenheit ist für uns, für den Thüringer Landtag, für die Bürgerinnen und Bürger dieses Landes, für ganz Thüringen eine große Ehre.
 
Mein besonderer Willkommensgruß gilt Ihnen, verehrter Herr Kohn. Als Überlebender und Zeitzeuge des Holocaust werden Sie heute zu uns sprechen. Sie haben unsere Einladung angenommen, und dafür danken wir Ihnen ganz herzlich.
Ich grüße Sie, sehr geehrter Herr Ministerpräsident, alle Abgeordneten des Thüringer Landtages, den Präsidenten des Thüringer Verfassungsgerichtshofes, die Vertreter des diplomatischen und konsularischen Corps, die Mitglieder der Thüringer Landesregierung und die Vertreter der Landkreise und Kommunen.
 
Begrüßen möchte ich die Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche. Sehr geehrter Herr Prof. Schramm als Vertreter der Jüdischen Landesgemeinde heißen wir auch Sie herzlich willkommen. Auch unsere Gäste aus der Justiz, der Wissenschaft und der Kultur, der Wirtschaft, den Verbänden und den Medien heiße ich willkommen und Sie alle, meine sehr verehrten Damen und Herren.
Heute vor 70 Jahren, am 27. Januar 1945, wurde das Konzentrationslager Auschwitz von der Roten Armee befreit. Wir gedenken an diesem Tag der Opfer des Holocaust, und wir erinnern zugleich an alle Menschen, die unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gedemütigt, entrechtet, verfolgt, gequält, ermordet wurden: die Sinti und Roma, Behinderte, Homosexuelle, politisch Verfolgte, verfolgte Juden und Christen. Wir erinnern an die Millionen Zwangsarbeiter. Und wir verneigen uns vor den Männern und Frauen des Widerstandes, die für "das andere Deutschland" standen.
 

 

Die Frage, wie diese Barbarei möglich werden konnte, wird uns immer beschäftigen müssen. Wir fragen uns, wie der Verlust jeder Menschlichkeit im Lande der Dichter und Denker geschehen konnte. Wer in der Diskussion um unsere nationale Identität die Weimarer Klassik bemüht, wird um Buchenwald nicht umhinkommen. An keinem anderen Ort sind sich deutsche Hochkultur und deutsche Barbarei so nahe gekommen.
 
Wir fragen uns, wie die nationalsozialistische Barbarei ein Land erfassen und beherrschen konnte, das über Jahrhunderte durch Bildung, durch Aufklärung und Christentum geprägt war. Sicher gibt es Erklärungsansätze: Das Scheitern der ersten deutschen Demokratie, der Weimarer Republik, die mit vielfältigen Schwierigkeiten kämpfen musste.
Sie ist nicht zuletzt dem gewaltsamen Ansturm des politischen Extremismus von rechts und links erlegen. Demokratische Freiheiten wurden für die Zerstörung der freiheitlichen Ordnung missbraucht. Diese Lehre aus der Geschichte wird unser Denken und Handeln über die Parteigrenzen hinweg für alle Zeit bestimmen müssen.
 
Wir können Ursachen benennen, wie die Nationalsozialisten die Herrschaft erringen, ihr Gewaltsystem errichten konnten. Aber die Unmenschlichkeit des Nationalsozialismus übersteigt jede Möglichkeit des abschließenden Erklärens. Gibt es eine Möglichkeit, die Leichenberge in Auschwitz oder in Buchenwald menschlich zu erklären, oder wer will den Zynismus eines Himmler in seiner berüchtigten Posener Rede menschlich erklären?
Angesichts des Unfassbaren mindern auch Erklärungen und Analysen nicht unser Entsetzen.
 
Uns bleiben die Trauer und der Schmerz um die Opfer. Uns bleibt die Scham angesichts dessen, was von Deutschen und im deutschen Namen geschah. Uns bleibt die stumme Verneigung. Uns bleibt die Achtung vor den Überlebenden und die Dankbarkeit dafür, dass sie allem Furchtbaren zum Trotz unter uns leben, uns besuchen, mit uns sprechen.
 
 
 
Ihr Schicksal ist eine bleibende Verpflichtung für uns alle. Und diese Verpflichtung bedeutet auch: Wir müssen aufklären über die Vergangenheit. Ihr Leben und die verlorenen Jahre können wir den Opfern nicht zurückgeben. Aber sie haben einen Anspruch darauf, dass wir alle uns dieser Vergangenheit stellen, auch jene, die wie ich, Jahrzehnte später geboren sind.
 
Wir müssen begreifen, dass es bei dieser Aufklärungsverpflichtung auch um uns selbst geht. Nur wer sich der Vergangenheit stellt, wer um sie weiß, der kann auch die Gegenwart wirklich verstehen. Und nur auf dieser Grundlage können wir unsere Zeit menschlich gestalten und die Zukunft verantwortungsvoll vorbereiten.
Meine Damen und Herren,
 
das ist kein bloß theoretischer Appell. Das hat auch zu tun mit den fürchterlichen Taten des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrunds oder den aktuellen Ereignissen in Paris. Gerade sie haben nicht zuletzt gezeigt: Der Antisemitismus ist eine reale Gefahr. Wer ihn benennt, wie es der Zentralrat der Juden in Deutschland getan hat, der übertreibt nicht. Das ist kein Alarmgeschrei, wie es an manchen Stammtischen genannt wird. Diese Ereignisse belegen vielmehr, dass der latente Antisemitismus jederzeit offene Realität werden kann.
 
 
 
Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit sind enge Verwandte. Tausende demonstrieren in deutschen Städten gegen das, was sie als Überfremdung empfinden. Und das ist für die Politiker und in ähnlicher Weise auch für die Vertreter der Medien eine doppelte Herausforderung - jedenfalls dann, wenn es ihnen tatsächlich um unser demokratisches Gemeinwesen geht.
 
Wir müssen denen entgegentreten, die dort ihr rechtsextremes Geschäft betreiben. Und wir müssen genau hinhören um zu erfahren, was Menschen, die gewiss nicht rechtsextrem sind, zu diesen Demonstrationen treibt. Sie gilt es für unsere freiheitliche Demokratie zu gewinnen, durch unser Handeln, unser überzeugendes Beispiel, unsere Dialogbereitschaft.

 

Ist nicht das, was ich einmal "demokratische Prävention" nennen möchte, allemal besser als diese Menschen dem Rechtsextremismus zu überlassen?
 
Wir müssen ihnen auch mit Argumenten der Sachlichkeit und der Menschlichkeit erklären, warum wir Flüchtlinge aufnehmen. Die Heilige Schrift der Juden, die die Christen das Alte Testament nennen, und das Neue Testament gebieten ebenso Mitmenschlichkeit wie der aufklärerische Humanismus. Und so müssen wir denen helfen, die in ihren Ländern aus unterschiedlichen Gründen verfolgt werden.
Wir können auch diejenigen nicht einfach zurückschicken, die Hunger und Krankheit zu uns treiben. Sicher kann Deutschland nicht allein Hafen für die Flüchtlinge sein. Aber so ist es ja auch nicht.
 
Wir sollten uns dankbar an die Länder erinnern, die seinerzeit Flüchtlinge aus Deutschland aufgenommen haben. Damals flohen Menschen aus ähnlichen Gründen, aus denen sie jetzt zu uns kommen: Verfolgung wegen ihrer sogenannten Rasse, ihres Glaubens, ihrer politischen Überzeugung.
 

 

Mit Nachdruck stelle ich ebenso fest: Diejenigen, die nicht aus redlichen Motiven zu uns kommen und diejenigen, die unser freiheitliches Gemeinwesen und seine Regeln nicht respektieren, haben bei uns keinen Platz. Diesen Unterschied zu machen und konsequent umzusetzen sind wir nicht zuletzt der überwältigenden Mehrheit derer schuldig, die aus guten Gründen bei uns sind.
 
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Meine sehr verehrten Damen und Herren,
 
die historischen Erfahrungen mahnen uns, unser demokratisches Gemeinwesen entschlossen zu verteidigen - gegen seine heutigen politischen Feinde aus dem Lager der Rechts- und der Linksextremisten und jene, die unter dem Deckmantel der Religiosität unsere freiheitliche und demokratische Grundordnung fanatisch bekämpfen. Dazu sage ich: Die beste Abwehr gegen die Feinde der Demokratie sind viele glaubwürdige und engagierte Demokraten.
 

 

Wir müssen als Demokraten immer wieder, Tag für Tag, Menschen durch unser Handeln, unser Engagement und unser Beispiel verdeutlichen, was Demokratie bedeutet, welchen Wert sie für unser Gemeinwesen hat. Die Erziehung zur Demokratie und Rechtsstaatlichkeit ist nicht nur ein zentraler Auftrag unserer Schulen. Sie ist unser Auftrag. Um es deutlich zu sagen: Wahlbeteiligungen von wenig mehr als 50% sind Etappensiege für jene, die diesen freiheitlichen, demokratischen Rechtsstaat nicht wollen. Und sie sind ein Armutszeugnis für uns alle.
 

 

Das Scheitern unserer ersten Demokratie muss uns historische Mahnung sein - auch, weil diese Republik nicht zuletzt am Mangel an Demokraten zugrunde gegangen ist. Ohne dieses Scheitern wäre das Unfassbare, was danach geschah, nicht möglich geworden.
 
Ohne Folgerungen aus dem Unfassbaren wäre das Gedenken nur eines - unglaubwürdig. Wir stellen uns einer Geschichte, die bis heute wirkt und die noch viele Generationen später wirken wird. Diese Verpflichtung werden wir erfüllen. Das ist das Versprechen, dass wir alle in diesem Landtag Ihnen, unseren Gästen, aus tiefer Überzeugung geben.
 
Ihnen, verehrter Herr Kohn, danke ich auch ganz persönlich dafür, dass Sie unsere Einladung angenommen haben und heute zu uns sprechen werden. Sie sind Überlebender und Zeitzeuge des Holocaust.
 
Ihr persönlicher Leidensweg begann als Junge. Sie waren zwölf Jahre alt, als Sie zusammen mit Ihrer Familie in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert wurden. Es folgten die Lager Auschwitz, Blechhammer, Gross-Rosen und Buchenwald.

 

Wir Nachgeborenen können eigentlich nicht ermessen, was Sie und Ihre Schicksalsgefährten erleiden mussten. Sie mussten erleben, dass Ihre Familie, dass Ihre Verwandten, dass Mitgefangene in den Gaskammern der Nationalsozialisten ermordet wurden, dass sie verhungerten, unvorstellbare Grausamkeiten erlitten. Erst nach der Befreiung des KZ Buchenwald durch die heranrückenden amerikanischen Truppen kamen Sie frei. Im Mai 1945 konnten Sie in Ihre Heimat, nach Prag, zurückkehren.
 
Ihr Überleben bezeichneten Sie selbst einmal als Wunder. Und glauben Sie mir, alle Menschen guten Willens sind dankbar für dieses Wunder.

 

Aber es erfüllt uns mit Trauer, dass das bloße Überleben eines Wunders bedurfte in einer Zeit, die durch Terror und Mord bestimmt war. Vielmehr berührt uns das Leid, das Sie und Millionen andere durchleiden mussten.
 
Sie und alle Überlebenden geben dem Geschehenen ein konkretes, ein menschliches Antlitz. Es sind die Gesichter der Zeugen, die uns allen helfen, diese Erinnerung wach zu halten. Sie helfen uns, eine Form des Erinnerns und Gedenkens zu wahren, die der Würde der Opfer und der Intention dieses Gedenktages entspricht.
 

 

Als der Holocaust-Gedenktag im Jahre 1996 zum ersten Mal begangen wurde, hat der damalige Bundespräsident Roman Herzog das so beschrieben: Es gehe darum, "eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken."
 
Sie, sehr verehrter Herr Kohn, werden uns helfen, dieser Verpflichtung gerecht zu werden.
 
Ich darf Sie nach dem unser Ministerpräsident gesprochen hat, und wir noch ein Musikstück gehört haben, herzlich um Ihr Wort bitten.