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Historische Gedenkstunde für NS-Opfer im Thüringer Landtag

26.01.2018

Carius zu Frieden und Freiheit in Europa

Vor über 200 Teilnehmern aus dem In- und Ausland fand heute (Freitag) im Thüringer Landtag eine Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus‘ statt. Landtagspräsident Christian Carius konnte unter den Gästen auch Überlebende des Holocauts im Plenarsaal des Parlaments begrüßen. Der Landtagspräsident nahm anschließend an der Kranzniederlegung in der Gedenkstätte Buchenwald teil. Aufgrund der Gedenkstunde im Landtag, zu der Landtagspräsident Carius und Ministerpräsident Bodo Ramelow gemeinsam eingeladen hatten, beginnt die 108. Plenarsitzung erst um 12:00 Uhr.

„Jedes Jahr besuchen Schüler die Gedenkstätten von Buchenwald, Mittelbau-Dora und auch Ausschwitz“, erklärte Carius. „Diese Besuche hinterlassen in jedem von Ihnen bleibende Erinnerungen und Spuren.

Gerade die besondere Bedeutung von Orten wie diesen, für uns und auch für kommende Generationen, zeigt, dass es einen Schlussstrich nicht geben kann.“

Hintergrund

An der Gedenkstunde im Thüringer Landtag nahmen u. a. auch die ehemaligen Holocaust-Häftlinge Naftali Fürst, Günter Pappenheim, Kurt Pappenheim, Raymond Renaud und Heinrich Rotmensch teil.

Dokumentation

Im Anschluss dokumentiert der Thüringer Landtag den Wortlaut der Rede des Landtagspräsidenten anlässlich der Gedenkstunde im Parlament:


„Meine sehr verehrten Damen und Herren,

wir gedenken heute der Millionen Menschen, denen durch den Holocaust und die Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten ihr Besitz, ihre Heimat, ihre Rechte, ihre Würde, ihr Leben genommen wurden:

der ermordeten Juden Europas, der Sinti und Roma, der Zeugen Jehovas, der Millionen Verschleppten, der Zwangsarbeiter, der politischen Gefangenen, der Homosexuellen, der Kranken und der Menschen mit Behinderungen. Wir verneigen uns vor den Toten und nehmen Anteil am tiefen und unendlichen Schmerz der Überlebenden.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Ich empfinde eine große Genugtuung und Dankbarkeit Sie aus allen Teilen unserer Gesellschaft zu dieser Gedenkstunde begrüßen zu dürfen.

Besonders herzlich möchte ich heute Raymond Renaud begrüßen. Er nimmt  zum ersten Mal an unserer Gedenkstunde teil. Raymond Renaud hat fast zwei Jahre unter schwersten Bedingungen in den Baukommandos des Konzentrationslagers Buchenwald gearbeitet.

Ebenso herzlich begrüße ich auch in diesem Jahr Herrn Naftali Fürst sowie die Brüder Herrn Kurt und Günter Pappenheim.

Mit Ihnen grüße ich hier zum zweiten Mal Herrn Heinrich Rotmensch, der die Hölle von drei Konzentrationslagern, darunter Buchenwald, überlebte.

Mit Ihnen und den Angehörigen der Überlebenden, wird über 70 Jahre nach dem Holocaust aus erlebter Geschichte tradierte Erinnerung, die so auch uns im Gedächtnis bleibt. Auch Ihnen ein ganz herzliches Willkommen.

Sie alle haben unsere Einladung angenommen und sich bereit erklärt, uns im Rahmen einer Gesprächsrunde an Ihren Erinnerungen teilhaben zu lassen. Dafür danke ich Ihnen bereits jetzt im Namen der hier Versammelten und auch ganz persönlich sehr herzlich.

Ihre Anwesenheit ist für uns, den Thüringer Landtag, für die Bürgerinnen und Bürger dieses Landes, für ganz Thüringen eine große Ehre.

Ich begrüße den Ministerpräsidenten des Freistaats Thüringen, Bodo Ramelow. Ich danke Ihnen, dass Sie heute ebenfalls zu uns sprechen werden.

Ein herzliches Willkommen gilt dem Präsidenten des Thüringer Verfassungsgerichtshofs, Herrn Professor Aschke.

Ich begrüße die Vizepräsidentin des Thüringer Landtags, Frau Jung, ebenso die Fraktionsvorsitzenden, Herrn Mohring, Frau Hennig-Wellsow, Herrn Hey, Herrn Adams und für die AfD Herrn Höcke sowie alle Abgeordneten des Thüringer Landtags.

Ein herzliches Willkommen dem Präsidenten des Thüringer Rechnungshofes, den Vertretern der Landkreise und Kommunen sowie unseren Gästen von der Bundeswehr und den Vertretern des diplomatischen und konsularischen Corps.

Auch unseren Gästen aus der Justiz und Verwaltung, der Wirtschaft und Wissenschaft, der Kultur und den Medien sowie den Verbänden und Gewerkschaften ein herzliches Willkommen.

Ich begrüße Frau Agnès Triebel, die die Moderation der Gesprächsrunde übernehmen wird und ganz besonders freue ich mich, dass heute Schülerinnen und Schüler der Regelschule aus Schleiz unter uns sind. Auch Euch heiße ich herzlich willkommen

Begrüßen möchte ich die Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche.

Aus besonderem Anlass und nicht aus protokollarischer Nachlässigkeit grüße ich  zuletzt, die Vertreter des jüdischen Lebens in Deutschland, den Vorsitzenden der jüdischen Landesgemeinde Herrn Professor Schramm und den Rabbi der jüdischen Landesgemeinde, Herrn Kochan. Ganz besonders herzlich grüße ich den Gesandten der israelischen Botschaft Herrn Yair Even.

Es ist uns eine besondere Freude, Sie im 70. Jahr der Gründung des Staates Israel in unserem hohen Haus begrüßen zu können. Wir beglückwünschen Sie zum anstehenden Geburtstag und freuen uns über Ihre Anteilnahme am politischen Leben im Freistaat.

Ich bin sehr froh, dass wir im vergangen Jahr fraktionsübergreifend auch einen Freundeskreis Israel in unserem Landtag gründen konnten. Die Vorsitzenden, Herr Abg. Gruhner und Frau Abg. König-Preuß, heiße ich herzlich willkommen.

Die Gründung des Staates Israel ist nicht ohne das Ende des zweiten Weltkrieges zu denken. Vor drei Jahren konnten wir auf ein halbes Jahrhundert vertrauensvoller und freundschaftlicher diplomatischer Beziehungen zurückblicken.

Beides ist uns wichtig. Die Anerkennung des Existenzrechts Israels gehört zur deutschen Staatsräson. Es ist seither Teil unseres Selbstverständnisses, dass wir uns kritisch mit israelischer Politik auseinandersetzen können. Wer aber Kritik am Existenzrecht Israels übt, hat aus der deutschen Geschichte nichts gelernt.

Lieber Herr Schramm, Meldungen über einen wachsenden Antisemitismus in Deutschland beunruhigen uns daher ebenso, wie Sie. Wir erteilen allen Formen des Antisemitismus eine klare Absage. Das gilt für den hiesigen Antisemitismus ebenso, wie für den von Zugewanderten.

Wer hier lebt oder Teil unserer Gesellschaft werden möchte, von dem müssen wir erwarten können, dass er die Grundlagen unseres Gemeinwesens anerkennt und sie nicht missachtet oder offen bekämpft!

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

von Eisenach bis Gera wurden im Mai 1942 über 500 Thüringer Juden durch die Straßen Ihrer Heimatstädte zu den Bahnhöfen getrieben. Für diese Massendeportation, die sich überall in Deutschland abspielte und die vom NS-Regime mit „Evakuierung“ betitelt wurde, gab es Vorschriften: Kurzer Haarschnitt, saubere Kleider und maximal 50 Kilo Reisegepäck, darunter Bettzeug und ein Handtuch.

Die Begleiter: Polizisten, die die Betroffenen teilweise seit Jahren kennen. Für die Meisten geht es in den frühen Morgenstunden des 9.Mai

nach Weimar, wo sie in der Viehauktionshalle übernachten müssen.

Hier beginnt für alle die erste Station des Grauens: Ihrer letzten Habe, dem buchstäblich letzten Hemd und ihrer Würde beraubt, verbringen sie die Nacht auf Stroh. Nicht genug, betende Männer werden von SA-Männern zu Tode geprügelt. In Güterwaggons geht es zunächst in die Zwischenstationen der polnischen Ghettos, dann in die Endstation Tod – nach Majdanek, Theresienstadt und Treblinka.

Diese Menschen aus über 40 Thüringer Orten wurden nicht nur ihres Hab und Guts beraubt. Sie wurden erniedrigt, entrechtet. Und für alle die davon damals nichts gehört und gewusst haben wollten, heißt es in der Eisenacher Stadtchronik schon für den 20. Mai 1942 in einem Zitat:

„Der Volksgerichtshof hat jetzt entschieden, dass die Aberkennung [der bürgerlichen Ehrenrechte]  gegenüber Juden nicht stattfindet, weil der Jude die bürgerlichen Ehrenrechte überhaupt nicht besitzt.“

Der würdelosen Entrechtung, folgte die Ermordung.

Von diesen 500 Thüringern, die die ersten Opfer der Verschleppung von Juden hierzulande waren, überlebte nur eine junge Frau. Hannelore Wolff wurde mitsamt Ihrer Familie nach Auschwitz deportiert. Ihre Eltern und ihr Bruder wurden getötet, sie aber kam auf die heute berühmte Liste von Oskar Schindler, überlebte die Vernichtung, emigrierte in die USA und lebt heute mit ihren Angehörigen in Kalifornien.

Für die anderen gab es nur erbarmungsloses Grauen – dafür stehen die einstigen Konzentrationslager des deutschen Nationalsozialismus.

Anrede,

Seit über 20 Jahren halten wir an diesem 27. Januar inne, dem Tag, an dem das Konzentrationslager Auschwitz von Soldaten der Roten Armee befreit wurde. Die Bilder der Befreiung, des schrecklichen Leids, erfüllen uns mit tiefer Trauer und unendlicher Scham.

Was Befreier und Überlebende vorfanden, übersteigt jedes Maß menschlichen Vorstellungsvermögens. Hungernde, kranke und sterbende Menschen in zerlumpter Häftlingskleidung, leblose Körper, ihrer Würde beraubt, Berge von Leichen.

Ich bleibe dabei: Nichts ist vorstellbar, was fürchterlicher sein könnte. Auch die Zahl der Opfer ist und bleibt bis heute für uns eine unfassbare Größe.

Das Gedenken an dieses Menschheitsverbrechen ist für uns zu allererst Ausdruck unserer tiefen Trauer um die Opfer. Es ist ein Zeichen unseres Mitgefühls gegenüber ihren Angehörigen. Es ist ein Zeichen des tiefempfundenen Respekts gegenüber den Überlebenden, die unter den erlittenen Qualen noch heute leiden.

Richard von Weizäcker sagte in seiner Rede zum 40. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs: „Es geht nicht darum, Vergangenheit zu bewältigen. Das kann man gar nicht. Sie lässt sich ja auch nicht nachträglich ändern oder ungeschehen machen.“

Gleiches gilt auch heute noch: Im Angesicht der Zeugnisse und Quellen des Leids kann das geschehene Unrecht niemals wieder gutgemacht werden. Aber indem wir daran erinnern, der Ermordeten gedenken, schaffen wir Orientierung.

„Was einmal geschehen ist, kann auch wieder geschehen.“ Diese einfache Erkenntnis von Primo Levi, dass die Erfahrung des Zivilisationsbruchs, in anderer Zeit oder andernorts möglich bleibt, sollte uns zu denken geben.

Das Erinnern an diesen Zivilisationsbruch wachzuhalten, bleibt daher eine der zentralen Aufgaben unserer und auch künftiger Generationen.

Das Gerede vom Schuldkult und die Forderung nach einer 180 Grad Wende bleibt schlicht, verantwortungslos!

Ich bin mir bewusst, dass Geschichte immer ein Lernprozess ist, nicht nur für die Schüler unseres Landes, sondern für uns alle. Geschichte ist immer veränderten Wahrnehmungen unterworfen. Daher können wir unser Geschichtsbild vom Holocaust auch nicht als „endgültig“ betrachten.

Wie wir mit der Shoa umgehen, ist heute anders als noch in den 50ern oder 80ern, und ganz anders als der Umgang damit im Ausland.

Denken wir nur an den Holocaust-Gedenktag in Israel, dem Yom Ha Shoah, an dem für 2 Minuten in ganz Israel unter dem Geheul von Sirenen das ganze öffentliche Leben stillsteht.

Daher stellt sich die Frage, wie wir damit angemessen im öffentlichen Raum umgehen, immer wieder neu.

Meine Damen und Herren,

dass Erinnerung nicht nur schmerzhaft ist, sondern auch tröstlich sein kann, wird deutlich, wenn man sich vor Augen führt, dass es auch bei uns Menschen gab, die sich nicht dem sinnlosen Rassenwahn der NS-Diktatur hingaben.

So wurde am 29. November 1941 in einem Rundschreiben des Sicherheitsdienstes der SS-Hauptaußenstelle Erfurt die folgende Meldung gemacht:

„Wie in letzter Zeit wiederholt bekannt geworden ist, unterhalten deutschblütige Personen nach wie vor freundschaftliche Beziehungen zu Juden und zeigen sich mit diesen in der Öffentlichkeit.

Weiterhin würden „die betreffenden deutschblütigen Personen auch heute noch den elementaren Grundbegriffen des Nationalsozialismus verständnislos gegenüberstehen […]“.

In diesen Zeilen wie auch aus privaten Briefen zwischen Juden und Nichtjuden in Thüringen wird klar, dass zahlreiche Bürger ihren jüdischen Freunden und Nachbarn trotz der Gefahren halfen.

Trotz des ebenso belegbaren Mitwissens und der Denunziationen von großen Teilen der deutschen Bevölkerung, bleiben auch diese Zeugnisse ein Teil unserer Geschichte.

So wie noch heute ehemaligen KZ-Wachleuten der Prozess gemacht wird, so finden sich auch immer wieder Zeugnisse von Helfern und NS-Verweigerern.

Jedes Jahr besuchen Schüler die Gedenkstätten von Buchenwald, Mittelbau-Dora und auch Ausschwitz. Diese Besuche hinterlassen in jedem von Ihnen bleibende Erinnerungen und Spuren.

Gerade die besondere Bedeutung von Orten wie diesen, für uns und auch für kommende Generationen, zeigt, dass es einen Schlussstrich nicht geben kann.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

wir haben heute einmal mehr die Gelegenheit mit Zeitzeugen und Überlebenden der furchtbaren Verbrechen des Nationalsozialismus ins Gespräch zu kommen.

Ich lade Sie alle herzlich ein, sich an der Gesprächsrunde mit Ihren Fragen und Anmerkungen zu beteiligen.

Zunächst darf ich jedoch Herrn Ministerpräsidenten Ramelow bitten, ebenfalls zu uns zu sprechen.“

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